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Die Geschichte Nes Ammim begann als Wagnis.1963: Kein fließendes Wasser, kein Strom, keine Telefonleitung nach außen – dafür aber Schlamm, der es in der Regenzeit fast unmöglich macht, Nes Ammim zu erreichen. Lediglich die Pioniere von Nes Ammim, ein Schweizer Ehepaar, sind vor Ort. Ein israelisches Busunternehmen hatte ihnen den ausrangierten Bus in Nazareth mit defekten Bremsen geschenkt.
Der Bus steht auf einem kleinen HĂĽgel.
Drum herum nur Ödland. Hier wächst von nun an Nes Ammim.
Bis die Pioniere 1963 ĂĽberhaupt die Erlaubnis des Staates Israel hatten, Nes Ammim zu bauen, war der Weg lang und schwer:
Eine Delegation aus Europäern kam bereits im November 1960 nach Israel. Ihre Kontaktperson in der israelischen Regierung musste kurz vorher zum Militär-Reservedienst einrücken. Die Delegation wurde nicht von David Ben Gurion, dem damaligen Ministerpräsidenten, empfangen. Die Europäer glaubten, dass die israelische Regierung kein Interesse an Nes Ammim habe. Drei Ministerpräsidenten auf der Seite von Nes Ammim
Ende November kam die Wende: Dr. Johan Pilon und. Jacob Bernath, zwei der Gründerväter Nes Ammims, saĂźen in einem Jerusalemer BĂĽro. Es gehörte den Ben-Dor-BrĂĽdern. Die beiden renommierten Architekten waren von der Idee Nes Ammims begeistert. Einer von ihnen – ein enger Freund des Finanzministers und späteren Ministerpräsidenten Levi Eschkol – griff zum Telefon und organisierte ein Treffen in Sachen Nes Ammim:
Bereits einen Tag später trafen sich Pilon und Bernath mit Eschkol. Letzterer hatte bereits mit Ben Gurion und Golda Meir über Nes Ammim gesprochen. Sie alle standen dem Wagnis Nes Ammim positiv gegenüber.
Doch damit war nur eine HĂĽrde genommen.
Rabbiner aus dem ganzen Land besuchten den israelischen Präsidenten Ben-Zvi und forderten ihn auf, Nes Ammim zu stoppen: „Die Missionare wollen in diesem Dorf eines ihrer Zentren fĂĽr unser Land aufbauen“, so ihre BefĂĽrchtung. Mission war jedoch nie ein Ziel von Nes Ammim. Im Gegenteil: Dialog statt Mission ist einer der Leitgedanken. Nes Ammim, die Idee eines christlichen Dorfes in Israel, hatte eine Welle der Empörung ausgelöst. In Naharija, der nächst größeren Stadt im Umkreis von Nes Ammim, gingen Tausende auf die StraĂźe und demonstrierten gegen das Dorf – allen voran der Rav Aharon Keller, Chef-Rabbiner des Westlichen Galiläa. „Nes Ammim - maskierte Mission “, mahnte Rabbiner Keller auf seinen Demonstrationen. Dann, 1963, nahm die Knesset, das israelische Parlament, das Memorandum an, in dem Nes Ammim schriftlich festhielt, dass Judenmission nie ein Ziel sein werde. GrĂĽnes Licht fĂĽr Nes Ammim. Jetzt konnte das Wagnis beginnen!
Rav Aharon Keller beobachtete genau die Aktivitäten Nes Ammims über die ersten Jahre hinweg.
Sieben Jahre nach der GrĂĽndung kam er zum ersten Mal nach Nes Ammim.
An einem bewegenden Abend im Juli 1970 hielt er eine Ansprache und diskutierte mit jungen Volontären. Er versöhnte sich mit Nes Ammim und wurde ein Freund des Dorfes, der bis zu seinem Tod die Kurse über das Judentum für das Nes Ammim Studienprogramm gab. Seine Tochter Zahava Neuberger-Keller hat sein Erbe übernommen und ist Nes Ammim eng verbunden: Sie leitet im Dorf Dialog-Seminare mit israelischen Jüdinnen und Araberinnen im Rahmen der Nes-Ammim-Dialog-Arbeit.
Seine Tochter Zahava Neuberger-Keller (Mitte) bei der Dialogarbeit in Nes Ammim.
Doch auch zu dem Zeitpunkt, als Rabbiner Keller und Nes Ammim zusammenfanden, durften noch immer keine Deutschen in Nes Ammim leben. Kurz nach der GrĂĽndung des Staates Israel war Deutschen die Einreise untersagt. Bis junge Deutsche in Nes Ammim ihren Zivildienst leisten konnten, war noch viel zu tun.
Der Nachbarkibbuz von Nes Ammim ist Lochame HaGetaot – dort hatten sich Ăśberlebende des Warschauer Ghettos angesiedelt. Lochame HaGetaot genieĂźt bis heute ein hohes Ansehen in Israel als der „Ghetto-Kämpfer-Kibbuz“. In der nächsten Nähe von Nes Ammim lebten viele Opfer der Nationalsozialisten – Vorbehalte gegen nicht-jĂĽdische Deutsche, die dauerhaft im Norden Israels, in Nes Ammim, leben wollten, waren groĂź.
Tanja Ronen mit drei deutschen Volontären im
ersten Holocaust Museum der Welt in Lochamei HaGetaot.
Auf Einladung der Hebräischen Universität in Jerusalem konnte 1968 der Theologe Heinz Kremers einreisen, Otto Busse kam 1969 auf Einladung der israelischen Regierung. Er hatte zahlreichen Juden das Leben gerettet, dadurch, dass er sie im Ghetto des polnischen Bialystok mit Medizin, Kleidung und Waffen versorgte. Er half ihnen bei der Flucht aus dem Ghetto und warnte sie vor Aktionen der deutschen Soldaten. In Yad VaShem, der zentralen Holocaust Gedenkstätte in Jerusalem, steht heute ein Baum für Otto Busse. Er wurde als "Gerechter unter den Völkern" geehrt. Otto Busse und Heinz Kremers warben in langen Gesprächen mit der Regionalverwaltung und den Überlebenden des Warschauer Ghettos dafür, dass auch junge Deutsche in Nes Ammim leben durften. Gerade diese jungen Menschen sollten nach Israel kommen und von Holocaust Überlebenden selbst hören, welches Schicksal sie durchleben mussten und wie sie mit dem Erlebten noch heute umgehen.
Volontäre aus Nes Ammim besuchen den Baum von Otto Busse im Wald der Gerechten von Yad VaShem in Jerusalem.
Nach langen und schwierigen Diskussionen, die in der Regionalverwaltung intern geführt wurden, war der Weg für eine vorerst begrenzte Zahl deutscher Volontäre ab Oktober 1971 frei. Die deutschen Behörden erkennen seitdem den Dienst in Nes Ammim als Ersatz für den Zivildienst an.
Seit 1963 kamen Tausende Freiwillige nach Nes Ammim, lebten fĂĽr ein paar Monate oder Jahre im Norden Israels.
Auch durch sechs Kriege hindurch. Die Volontäre flogen nicht nach Hause zu ihren Familien, sondern blieben im Dorf. Das beeindruckte die Israelis in der Umgebung. Auch im zweiten Libanon-Krieg 2006 blieben die Volontäre im Dorf, übernachteten vier Wochen lang in den Bunkern. Niemand kam zu Schaden, keine Katjuscha-Rakete traf Nes Ammim. Viele Israelis bedankten sich dafür, dass die Nes Ammimer sie nicht verließen, sondern mit ihnen die schweren Tagen durchstanden. Nes Ammim wurde zum glaubhaften Symbol der Solidarität mit Israel.
Nes Ammim ist bis zum heutigen Tag ein Wagnis geblieben.
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